Mannheimer Schlagwerk im Zeughaus

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1/8 – Anna Zeltzer spielt Mourning Dove Sonett von Christopher Dean

Anna_Zeltzer_Mourning_Dove_SonettDas Konzert am 22.11. 2015 im gut gefüllten Florian-Waldeck-Saal im Zeughaus Mannheim wird von Anna Zeltzer eröffnet. Sie hat das Stück Mourning Dove Sonett von Christopher Dean spieltechnisch im Griff und erfüllt die unterschiedlichen Klanganforderungen der Komposition.
Das Spiel mit unterschiedlich harten Schlegeln sowie das Erzeugen eines Glissando durch das Schleifen eines Schlegels über die jeweilige Klangplatte nach deren Anschlagen sind gängige Spieltechniken. Die Verwendung von zwei Kontrabassbögen, die gleichzeitig mit jeweils einem Schlegel in jeder Hand gehalten werden müssen, ist bei diesem Stück die eigentliche Herausforderung. Die Platten des Vibrafons werden damit am schmalen Ende gestrichen. Je nach Melodie muss die Musikerin auf den Klangplatten der Vorder- oder Rückseite des Instrumentes spielen oder eine Hand zum dämpfen verwenden bzw. um Obertöne hervortreten zu lassen. Das hat große Bewegungen zur Folge in denen der ungewohnt lange Bogen an die richtige Platte geführt werden muss um diese dann sofort zu streichen. Anna Zeltzer geht hier für meinen Geschmack etwas zu vorsichtig zu Werke, sodass manche Phrasen darunter leiden. Vielleicht bin ich aber auch zu stark beeinflusst von der Interpretation dieses Stückes durch Edgar Guggeis, der im Konzert rückartig schnelle und fast fechtend anmutende Vorbereitungsbewegungen für die zu streichenden Töne vornahm, nur um dann pünktlich „vor Ort“ zu sein und sehr sauber und pünktlich zu spielen. Andererseits sind Anna Zeltzers Bewegungen sachlich und lenken daher nicht von der Musik ab.
Bemerkenswerte und spannende Leistung von Anna Zeltzer zu Beginn des Konzertes mit diesem über zehn Minuten langen Stück.

Lukas_Heckmann

Lukas Heckmann führt souverän und kurzweilig durch das Programm.

 

 

 

 

Dennis_KuhnIhm und seinen Mitstudenten überlässt ihr Professor Dennis Kuhn bis auf eine kurze Ansage zu Beginn des Abends die Bühne. Ruhig hält er im Hintergrund die Fäden in der Hand.

 

 

 

 

 

 

 

 

2/8 – Luis Chavarria spielt homework II: In the garage von François Sarhan

Luis_Andrés_Chavarría_Báez_homework_II_3Die Komposition von François Sarhan ist ein Stück für Stimme und Körper und wird von dem aus Costa Rica stammenden Luis Andrés Chavarría Báez gespielt und dargestellt. Der Komponist des Stückes war kurz zuvor in Mannheim zu Gast und studierte das Stück mit dem jungen Musiker ein.
Lukas Heckmann merkt an, dass das Publikum also eine authorisierte Fassung des Stückes hören werde. Es gehe um Klang, Sprache, Bewegungen und Gesten, also eine Verbindung von Musik und Schauspiel. Sein kleiner Hinweis zum Verständnis des Stückes: Ein Musiker sitzt vor einem unverständlichen Gerät, aus welchem er etwas versucht herauszubekommen.

Luis_Andrés_Chavarría_Báez_homework_IIDer Musiker spricht rhythmisch, er singt einzelne Töne, er schlägt sich auf Oberschenkel, Brust und Wangen. Immer wieder gibt es unterschiedlich lange Pausen. Der Zuschauer folgt dem Protagonisten bei seinem sehr konzentrierten, teils manisch wirkenden, Tun.

Mir kommen viele Fragen in den Sinn: Lernt er die Maschine und ihre Funktionen kennen? Interagiert er wirklich oder führt er nur Selbstgespräche? Führt die Maschine ihn auf eine unsichtbare Weise? Hat das ganze einen tieferen (Lern-)Sinn oder ist das Spielen selbst der Sinn? Handelt es sich um physische Knöpfe die bedient werden oder einen Touchscreen? Ist der Mensch das Interface für die Maschine? Spielt die Maschine den Menschen? Sitzt am Ende gar das Publikum in der Maschine?

Es fällt die Frage: „How do you get into this machine, now?“ Der Spieler wirkt wie jemand der die Vorgänge der Maschine für sich ordnen will aber auch ihre Funktionsweise erlernen will, sich anpassen will und zwischen diesen beiden Polen hin- und hergerissen ist.

Luis_Andrés_Chavarría_Báez_homework_II_2Body Percussion mit gleichzeitig gesprochenen Sätzen, Tempowechsel, auf den Boden treten, Pausen, trommeln auf beide Wangen – am Ende schaut der Protagonist auf seine Hände, vollzieht die Gesten noch ein letztes Mal nach, schaut wieder auf seine Hände und sackt dann in sich zusammen. Er wirkt erschöpft und mutlos. Ist es die Kapitulation vor der Maschine?

Luis Chavarria wirft sich in das Stück und gestaltet diese rätselhafte Komposition stringent von Anfang bis Ende. Das Ergebnis ist eine einzigartige Ausdrucksform, die für mich deutlich macht, wie der Mensch sich verausgabt, um dem technischen gerecht zu werden und dabei buchstäblich einen menschlichen Rückschritt zu machen in seiner Eindringlichkeit in der Kommunikation mit der Maschine. Für mich ein Highlight des Abends welches noch immer nachwirkt.

3/8 – Fangge Lü spielt die Chaconne aus der Partita d-Moll von  Johann Sebastian Bach

Fangge_LüDanach spielt Fangge Lü eine Transkription der Chaconne aus der Partita d-Moll von Johann Sebastian Bach auf dem Marimbaphon. Technisch ausgefeilt, im Klang nie hart, spielt sie die Phrasen fließend und schwerelos differenziert. Technisch brilliant und mit der nötigen Ruhe in den ruhigen und langsamen Passagen erzeugt sie ein Legato, das viel weniger als gewöhnlich nach Stabspiel klingt. Eine geschliffene Interpretation. Toll!

4/8 – Anna Zeltzer und Luis Chavarria spielen CaDance von Andy Pape

Vor der Pause spielen Anna Zeltzer und Luis Chavarria das Setup-Stück CaDance von Andy Pape.

Lukas Heckmann informiert das Publikum: Die Komposition für zwei Schlagzeuger baut auf unterschiedlich langen Gruppierungen von Achtelnoten auf. Die systematisch strukturierten Gruppierungen des ersten Spielers ergeben 50 Achtel lange Phrasen, die des anderen welche aus 49 Achteln. Nach 50 Phrasen treffen sich die beiden Spieler wieder.

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Das Stück baut sich aus durchgehenden Rim-Click-Achteln auf und steigert sich über einzelne Akzente, die vom Trommelrand auf die Felle der Toms wandern und dann sich auf die Bass Drums erweitern, stetig. Impulsive Einwürfe in Sechzehnteln auf den Toms steigern insbesondere dann die intensität des strömenden Achtelpulses, wenn sie echoartig aufeinander folgen oder sich ineinander verzahnen.

Steigernde Elemente sind die geschlagene und dabei für ein Achtel geöffnete Hihat, Rimshots und Crashbecken sowie Schläge auf die Kuppe des Ridebeckens.

Minimalistisch steigert sich die Intensität weiter und es bilden sich rhythmische Kluster. Der Reiz liegt für mich in der Unvorhersehbarkeit bei gleichzeitiger Selbstähnlichkeit der Phrasen: Man (er)kennt die Klänge (wieder) aber die Kombinationen sind von ständig neuer Natur.

Für meinen Geschmack leicht verkopft daherkommend, groovt es ungemein – wenn man den Code kennt.

Fast die ganze Zeit in derselben Dynamik gespielt, mit ständigen Schlägen auf den Korpus der großen Konzerttoms (ein mäßig interessanter Klang der ins nervige hinüberlappt, da er auch nicht durch eigene Akzente durchbrochen wird) liegt die Faszination eine Zeit lang darin, dass ich versuche zu erkennen, wann sich beide Spieler wieder treffen.

CaDance_Anna_Zeltzer_Luis Chavarria3Dies geschieht erst in einem gemeinsamen in Achteln fließenden Schlussteil. Zuvor haben beide Spieler (endlich) leise Achtel auf ihren Oberschenkeln gespielt. Mir gefällt der mathematische Reiz weniger. Klanglich interessant und spannend zu verfolgen sind aber die zwischen beiden Spielern entstehenden Melodien.

Hätte ich die Information über die innere Struktur des Stückes nicht gehabt, hätte ich besser zuhören können statt mit eingeschaltetem Geist mich zu fragen, ob die Zusammenklänge beider Spieler quasi zufällig  durch eine mathemathisch-konstruktive Formel entstehen oder einer kompositorisch-musikalischen Intention folgen. CaDance_Anna_Zeltzer_Luis ChavarriaDurch die Aufmerksamkeit auf die vermeintliche Wirkung dieser oder jener Lösung meiner Frage, ging für mich das Hören auf die Klänge verloren. Ich musste meine bis kurz vor Ende des Stückes zu verfliegen drohende Aufmerksamkeit bewusst aufrecht erhalten. Ohne meine (störenden) Gedanken hätte sich evtl. eine ganz andere Wirkung des Stückes ergeben, welches von den beiden Musikern souverän und hochkonzentriert gespielt wurde. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, dass ein einzelnes Achtel immer viel bedeutet.

5/8 – Luis Chavarria, Lukas Heckmann und Dominik Minsch spielen Musique de table von Thierry De Mey

Luis_Chavarria_Lukas_Heckmann_Dominik_Minsch_Musique_de_table1Zu diesem ersten Stück nach der Pause liefert Lukas Heckmann diese Informationen: Der belgische Film- und Tanzkünstler erschafft hier ein Ballet für die Hände und vereint in seinem Stück seine beiden Tätigkeitsbereiche Film und Tanz. Das für ein Filmprojekt komponierten Stück fordert den drei Musikern, die an Tischen sitzen, akustische und optische Perfektion ab. Ansonsten würde das Stück seine Wirkung verlieren.

Luis_Chavarria_Lukas_Heckmann_Dominik_Minsch_Musique_de_table2Gespielt wird dieses Stück mit den Händen auf den Tischplatten. Die Klänge entstehen durch reiben, wischen, schlagen, tippen und Klatschen. Beschleunigungen der Wischbewegungen erzeugen Betonungen. Rhythmen werden unter anderem auch „weitergereicht“ von Spieler zu Spieler. In der Luft werden meist runde Formen ausgeführt. Es herrscht ein ständiger Wechsel aus Zusammenspiel, teilweisem Zusammenspiel und individuellen Aktionen sowie Pausen der einzelnen Musiker. Ein Stück das man auch nur anhören kann aber unbedingt sehen sollte.

Entgegen anderer gängiger Möglichkeiten, die Klänge dieser Choreografie für die Hände umzusetzen, wie der Mikrofonierung der Tischplatten, spielen die Studenten auf Styroporplatten, die sie mit strukturierter Tapete beklebt haben. Das macht die Reibeklänge auch ohne Mikrofone deutlich hörbar.

Luis_Chavarria_Lukas_Heckmann_Dominik_Minsch_Musique_de_table3Beeindruckend ist die rhythmische Präzision der drei Musiker. Stabil im Tempo führen sie sämtliche Bewegungen aus. Man sieht, dass ausführlich an der Choreografie gearbeitet wurde. Simultane Figuren der Hände in der Luft sind bis ins Detail aufeinander abgestimmt.

Dadurch entsteht eine rhythmische und organische Luftskulptur. Schnelle Rhythmusketten werden präzise von einem zum nächsten Spieler „weitergereicht“ und klingen aus einem Guss. Das gelingt nur, wenn drei innerlich aktive Spieler, von denen jeder seinen Part beherrscht, am Ganzen gestalten. Mir hat es sehr gut gefallen.

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6/8 – Anna Seltzer spielt The Legend of the Golden Snail von Robert Oetomo

Anna_Zeltzer_The_Legend_of_the_Golden_SnailDas zweite Highlight des Abends war für mich The legend of the Golden Snail von Robert Oetomo für Porzellanschalen und Becken.

Lukas Heckmann erzählt, dass der Komponist das Stück im Jahre 2010 in Australien geschrieben hat und dass auch die Interpretin Anna Zeltzer aus Australien kommt. Beide spielen zusammen im Askill Percussion Duo. Er liest die Erzählung bzw. das Märchen vor auf der die Komposition beruht. Jeder Abschnitt des Stückes bildet eine Episode der Geschichte ab.

Indonesisch anmutende Klänge erschließen zu ersten mal den wirklich leisen Raum der Wahrnehmung an diesem Abend. Die wie aus der ferne tönende Melodie erzeugt die Musikerin indem sie auf dem Boden kniend die Schalen mit weichen Schlegeln berührt. Angeschlagen mit einem Holzstab kommt eine zweite Klangebene der Schalen hinzu.

Dann wird das eine Becken mittelweich angeschlagen, das zweite gerieben und mit einem Schlegel mit kleinem Kopf gespielt.

Das erste mal wallt der Beckenklang auf und klingt wieder ab. Ich erinnere mich an How The Stars Were Made von Peter Sculthorpe. Eine Klangsprache, die mir sehr gut gefällt. Letzteres Stück ebenfalls beruhend auf einer mythischen Erzählung.

Die nächste Episode beginnt mit härter klingenden und lauteren Melodien. Der sukzessive Wechsel zu mittelharten Schlegeln bereitet das Ende dieser Episode vor.

Darauf folgt ein leises den Fingern gespieltes Tremolo auf den Schalen. Beide Becken klingen am Ende laut.

Die dann anklingende Reminiszenz an den Anfang des Stückes klingt wieder sehr weich aus der Ferne, wie aus einem vergessenen Traum.

Leicht tänzerisch der letzte Teil mit gleichmässigem Puls auf dem Becken gespielt und der Melodie auf den Schalen.

An dieser märchenhaft indonesisch-australischen „Kurzgeschichte“ gefällt mir besonders die tiefe Wirkung, die eine einfache Komposition haben kann, wenn sie mit ausgesuchten Klängen arbeitet, die dann meisterhaft live im Konzert umgesetzt werden, wie an diesem Abend von Anna Zeltzer. Wie gesagt: Highlight!

7/8 – T-Hsien Lai spielt Nocturnal Dance von Jesse Monkman

T-Hsien_LaiDiese Komposition vereint alles, was typische moderne 4-Schlegel-Marimba-Literatur ausmacht: Schnelle Läufen, kraftvolle Akkorde, impressionistische Harmonik, rhythmische Patterns, lyrisch-melodische Zwischenteile, Wirbelpassagen und asiatisch anmutende Melodiepassagen.

T-Hsien Lai nutzt sämtliche dynamische Ausdrucksmöglichkeiten des Instrumentes gekonnt aus. Spieltechnisch hat er das Instrument voll im Griff und beeindruckt mit seiner variablen und musikalischen Spielweise. Er reizt die Dynamik im oberen Bereich kurzfristig bis fast an die Grenze des Instrumentes aus ohne es hart klingen zu lassen. Daneben ist beeindruckend wie T-Hsien Lai bei diesem kleinteiligen und abwechslungsreichen Stück nie den roten Faden verliert und daraus ein rundes Ganzes macht. Eine das Konzert prägende Klangfarbe.

8/8 – Oguz Abbas, T-Hsien Lai, Luis Chavarria, Fangge Lü und Anna Zeltzer spielen Music for pieces of wood von Steve Reich

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Zum Abschluss hört das aufmerksame Publikum diesen Klassiker der Schlagzeugliteratur.
Das Stück spielen sie mit ihren in unterschiedlichen Tonhöhen aufeinander abgestimmten Klanghölzern gekonnt und rhythmisch sicher.

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Die unterschiedlichen rhythmischen Muster (Patterns) fügen sich zu immer neuen Zusammenhängen zusammen und können durch ihre minimalistisch-hypnotische Aktivität eine innere Ruhe beim Zuhörer auslösen der sich in den vieldimensionalen rhythmischen Strukturen verlieren kann.

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Ein souveräner Abschluss eines sehr gelungenen Konzertes der Mannheimer Studenten aus der Türkei, aus Taiwan, Costa Rica, China, Australien und Deutschland.

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Beim Schlussapplaus war die Freude in den Gesichtern der jungen Musiker zu sehen ein solch anstrengendes Konzert so exzellent gemeistert zu haben.

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Das nächste Konzert des Mannheimer Schlagwerkes findet am Dienstag, den 8. Dezember 2015 um 18 Uhr im Saalbau in Neustadt an der Weinstrasse statt.

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